Leitlinien-Detailansicht

Angemeldetes Leitlinienvorhaben

Registernummer 038 - 020
Klassifikation S3

Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen

Anmeldedatum:

03.02.2022

Geplante Fertigstellung:

31.10.2023

Gründe für die Themenwahl:

Zielgruppe sind Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, deren Prävalenz auf ca. 1-2% der Gesamtbevölkerung geschätzt wird; in Deutschland betrifft dies schätzungsweise 500.000 bis 1 Mio. Menschen. Diese Patient*innengruppe ist hauptsächlich durch die Auswirkungen einer schweren und längerfristigen psychischen Erkrankung gekennzeichnet. Die Betroffenen tragen nicht nur schwer an der Symptomlast, sondern erfahren deutliche Einschränkungen in ihren psychosozialen Funktionen; oft ist die Teilhabe an Ausbildung, Arbeit, Wohnen, Familie und Freizeit eingeschränkt; die soziale Teilhabe entsprechend gering. In der Leitlinie werden Behandlungs- und Versorgungsansätze aufgegriffen, die unter psychosozialen Ansätzen subsumiert werden, neben den somatischen und psychotherapeutischen Ansätzen eine weitere wichtige Behandlungssäule darstellen und insbesondere darauf abzielen, die Fähigkeiten der Betroffenen zu stärken aber auch die Umgebungsbedingungen so zu gestalten, dass ein weitestgehend unabhängiges Leben in der Gemeinde und gleichberechtigte Teilhabe der Betroffenen möglich werden. 

Zielorientierung der Leitlinie:

Die zweite Aktualisierung der S3-Leitlinie sieht die Aufbereitung der aktuellen Evidenz zu den in der ersten Version der Leitlinie berücksichtigen Themen vor sowie eine Erweiterung des Spektrums. Viele der psychosozialen Interventionen stehen mittlerweile auf einer breiten Evidenzbasis, die es vor dem Hintergrund des deutschen Behandlungs- und Versorgungssystems systematisch aufzubereiten gilt. In der Aktualisierung soll geprüft werden, welche Empfehlungen aufgrund aktueller Evidenz eine Überarbeitung erfordern.Die soziale Exklusion schwer psychisch kranker Menschen ist nach wie vor sehr groß. Die in der UN-Behindertenrechtskonvention formulierten Rechte noch nicht für jedermann umgesetzt. Genau hier setzen psychosoziale Interventionen, wie die zur Verbesserung der beruflichen Teilhabe oder zum unterstützen Wohnen an. Psychosoziale Interventionen umfassen auch Strategien zur Stärkung des Einzelnen im Umgang mit der Erkrankung, zur Aktivierung der Ressourcen und zur Weiterentwicklung von Fähigkeiten für eine selbständige und eigenverantwortliche Lebensführung (z.B. Selbstmanagement, Psychoedukation, Empowerment, Recovery).
Es ist bekannt, dass schwere psychische Erkrankungen auch mit einem deutlich erhöhten Risiko an somatischer Komorbidität und Mortalität einhergehen. Auch hier setzen psychosoziale Therapien in Form von Sport- und Bewegungsinterventionen sowie einen gesunden Lebensstil fördernden Interventionen an.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen mit der Corona-Pandemie soll die Leitlinie um den Blick auf die besonderen Versorgungsnöte schwer psychisch kranker Menschen erweitert werden. Möglichkeiten von E-Mental-Health für diese Patient*innengruppe sollen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bewertet werden. Angestrebt wird zudem eine Erweiterung um das Thema von Anti-Stigma-Maßnahmen.
Das Interesse an und die Notwendigkeit der Implementierung psychosozialer Interventionen in den Behandlungsalltag sind groß. Hierzu trägt die S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen bei. Es gilt die Möglichkeiten einer modernen und evidenzbasierten Versorgung schwer psychisch kranker Menschen weiter zu verbessern; auch dazu soll das Update weiter beitragen.
Die Leitlinie gibt den aktuell konsentierten Standard bei psychosozialen Interventionen wieder. Durch die Empfehlungen dieser Leitlinie soll die Qualität der Behandlung und Versorgung der oben genannten Personengruppe verbessert und nicht durch Evidenz begründete Varianz in der Versorgung verringert werden. Die Anwendung wirksamer und hilfreicher Verfahren soll gestärkt werden. Gleichzeitig werden bei einzelnen Verfahren und Hinweisen auf fehlende Wirksamkeit abgeschwächte Empfehlungen gegeben. Ziel ist die Steigerung der Lebensqualität und die Ermöglichung eines so weit wie möglich selbstbestimmten Lebens der Betroffenen mit größtmöglicher Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. 

Anmelder bei der AWMF (Person):

Dr. Uta Gühne

Anmeldende Fachgesellschaft(en):

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN)Visitenkarte

Beteiligung weiterer AWMF-Gesellschaften:

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. (DEGAM)Visitenkarte

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP)Visitenkarte

Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP)Visitenkarte

Deutsche Gesellschaft für Biologische Psychiatrie e. V. (DGBP)Visitenkarte

Beteiligung weiterer Fachgesellschaften/Organisationen:

Arbeitskreis der Chefärztinnen und Chefärzte von Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie an Allgemeinkrankenhäusern in Deutschland, ACKPA

Aktion Psychisch Kranke (APK)

Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke - BAG BBW

Bundesverband Deutscher Berufsförderungswerke e.V. (BFW)

Bundesarbeitsgemeinschaft Beruflicher Trainingszentren (BAG BTZ)

Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrischer Verbünde e.V., BAG GPV

Bundesarbeitsgemeinschaft Integrationsfirmen (BAG IF)

Bundesarbeitsgemeinschaft Künstlerische Therapien

Bundesarbeitsgemeinschaft psychiatrische Institutsambulanzen (BAG PIA) der Bundesdirektorenkonferenz

Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung (BAG UB) e.V.

Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation psychisch kranker Menschen (BAG RPK)

Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG:WfbM)

Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (BApK)/Familien-Selbsthilfe Psychiatrie

Bundesinitiative ambulante psychiatrische Pflege (bapp)

Bundesdirektorenkonferenz Psychiatrischer Krankenhäuser BDK

Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)

Bundesfachvereinigung Leitender Krankenpflegepersonen der Psychiatrie e.V., BFLK

Berufsverband für Künstlerische Therapien g.e.V.

Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE e.V.)

Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK)

Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN)

Berufsverband deutscher Psychiater (BVDP)

Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten e.V. (bvvp)

Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH)

Deutsche Fachgesellschaft für Psychiatrische Pflege (DFPP)

Deutsche Gesellschaft für Psychoedukation e.V.

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention

Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP)

Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V. (DGVT)

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS)

Deutsch-Türkische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit e.V. (DTGPP)

Deutscher Verband der Ergotherapeuten (DVE) e.V.

Deutscher Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e. V. (DVGS)

EX-IN Deutschland e.V. (EX-IN)

Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands e.V. (VKD), Fachgruppe Psychiatrie

Berufsverband der Soziotherapeuten e.V.

Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V.

Leitliniensekretariat:

Dr. Uta Gühne

Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP)
Philipp-Rosenthal-Str. 55
04103 Leipzig

e-Mail senden

Koordination:

Prof. Dr. Thomas Becker

 

Prof. Dr. Steffi G. Riedel-Heller

 

Berlin

Adressaten:

Die vorliegende Leitlinie soll als Entscheidungsgrundlage bzw. Handlungshilfe für folgenden Personenkreis dienen:
- erwachsene Menschen mit einer schweren psychischen Erkrankung und deren Angehörige,
- professionell psychiatrisch, psychotherapeutisch und psychosozial Tätige (wie beispielsweise Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Neurologie, ärztliche Psychotherapeuten und Fachärzte für Allgemeinmedizin und hausärztlich tätige Internisten, Psychologische Psychotherapeuten, Diplom-Psychologen, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter, Pflegefachkräfte, Personal in anderen psychiatrischen Einrichtungen, Therapeuten Künstlerischer Therapien, Therapeuten von Bewegungsinterventionen, gesetzliche Betreuer und andere, die im Hilfesystem tätig sind).

Die Leitlinie dient zur Information für andere Personen und Entscheidungsträger im Gesundheits- und Sozialsystem, die Unterstützungsleistungen für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen anbieten oder organisieren (z. B. Mitarbeiter der Jobcenter, Entscheidungsträger in Ministerien, Gesundheitsämter).

Versorgungssektor:

ambulant, stationär, teilstationär 

Prävention, Früherkennung

Therapie,  Rehabilitation 

primärärztliche Versorgung,  spezialärztliche Versorgung

Die in der Leitlinie behandelten Interventionen finden in den verschiedensten Versorgungsbereichen und Sozialgesetzbuch-übergreifend Anwendung:
- ambulant/stationär/teilstationär
- Prävention, Therapie, Rehabilitation, kommunale soziale Versorgung
- primärärztliche/spezialisierte Versorgung unter Beteiligung aller an der Behandlung und Versorgung beteiligter Berufsgruppen

Patientenzielgruppe:

Erwachsene  

Die Personengruppe der Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen ist v.a. durch die Auswirkungen ihrer schweren und anhaltenden psychischen Erkrankung gekennzeichnet, die sich durch deutliche Einschränkungen in verschiedenen Funktions- und Lebensbereichen zeigen und aufgrund der komplexen Behandlungsbedarfe oft mit einer intensiven Inanspruchnahme medizinischer und psychosozialer Hilfen verbunden sind. Für die Versorgungsplanung psychiatrisch-psychotherapeutischer und psychosozialer Hilfen nehmen sie eine Sonderstellung ein. Zielgruppe dieser Leitlinie sind demnach Menschen mit einer psychiatrischen Diagnosen, welche über längere Zeit, d. h. über mindestens zwei Jahre, Krankheitssymptome aufweisen bzw. in Behandlung sind, die mit erheblichen Auswirkungen auf die Aktivitäten des täglichen Lebens und das soziale Funktionsniveau einhergehen sowie häufig mit einer intensiven Inanspruchnahme des Behandlungs- und psychosozialen Hilfesystems verbunden sind. In der internationalen Literatur wird die Personengruppe auch mit „severe mental illness“ umschrieben. Für die vorliegende Leitlinien wird nach folgenden Erkrankungen im Sinne medizinischer Diagnosen recherchiert:

  • Schizophrenie und andere schwere psychische Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis (ICD-10: F20–F22, F25)
  • Schwere affektive Störungen: Manien (ICD-10: F30), bipolar-affektive Störungen (ICD-10: F 31), schwere und rezidivierend-depressive Erkrankungen (ICD-10: F32.2–F32.3 und F33)
  • Schwere Persönlichkeitsstörungen (ICD-10: F60–F61)
  • Schwere Angststörungen (ICD-10: F41)
  • Schwere Zwangsstörungen (ICD-10: F42)

Methodik (Art der Konsensfindung / evidence-Basierung):

Es erfolgt eine systematische (iterativ hierarchische) Literatur-Recherche in relevanten Datenbanken (Medline, Cochrane Database of Systematic Reviews, Central), eine systematische Auswahl der Literatur orientiert am PICOS-Schema und Bewertung der Literatur (AMSTAR, ROB II). 

Der Konsensusprozess orientiert sich zum einen am Regelwerk der AWMF und zum anderen an den Erfahrungen aus vorangegangenen Leitlinienprozessen. Die erforderliche Interdisziplinarität und Multiprofessionalität ist durch die breite Zusammensetzung von Interessensverbänden gegeben. Allen Teilnehmer*innen werden rechtzeitig vor den Abstimmungsprozessen die erforderlichen Materialien (themenbezogener Leitlinientext und Report mit expliziter Aufführung der Evidenz) zugesandt. Die Abstimmung wird im Rahmen von nominalen Gruppenprozessen stattfinden. Wir würden uns sehr freuen, wenn dieser Prozess wieder unter der Leitung durch eine Vertreter*in der AWMF erfolgen kann, um die Neutralität des Prozesses zu gewährleisten.
In Abhängigkeit des Verlaufes (Gruppendynamik, Bedarfe der Gruppen, allg. Pandemielage) wird auch die Möglichkeit geprüft, Abstimmungen im Rahmen von formalisierten Delphi-Verfahren zu erlangen.
Die Klassifikation der Konsensstärke orientiert sich am Regelwerk der AWMF.

Ergänzende Informationen:

Verbindung zu vorhandenen Leitlinien:

Folgende Leitlinien weisen Überschneidungen zu wenigen ausgewählten Themen auf (z.B. zu Ansätzen der Selbsthilfe, Sport- und Bewegungstherapie, Ergotherapie oder zu gemeindepsychiatrischen Behandlungsansätzen). Allerdings ist der Fokus aller anderen Leitlinien ein störungsspezifischer, der immer alle Schweregrade umfasst und auf eine Erkrankung beschränkt bleibt. Keine der hier aufgeführten Leitlinien fokussiert auf schwer psychisch kranke Menschen und verfolgt dabei einen störungsübergreifenden Ansatz. Zudem systematisiert die S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen ein sehr breites Spektrum psychosozialer Therapien, das keinesfalls in anderen Leitlinien abgebildet wird.  

S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression (2015) AWMF-Register-Nr.: nvl-005 (Überschneidungen zu Sport- und Bewegungstherapien, zu Ergotherapie sowie zur Selbsthilfe möglich)
S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen (2021) AWMF-Registernr.: 051-028 (Überschneidungen zu Sport- und Bewegungstherapien sowie zur Selbsthilfe möglich)
S3-Leitlinie „Zwangsstörungen“ (2013, Gültigkeit abgelaufen) AWMF-Registernr. 038/017 (keine Überschneidungen)
S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen (2019) AWMF-Reg. AWMF-Registernr. Nr. 038-019 (Überschneidungen zu Sport- und Bewegungstherapien, Künstlerischen Therapien, Ergotherapie sowie zur Selbsthilfe möglich)
S3-Behandlungsleitlinie Schizophrenie (2019) AWMF-Registernr.: 038-009, (Überschneidungen zu einigen psychosozialen Therapien möglich/es erfolgt ein gezielter Abgleich mit den Empfehlungen beider Leitlinien)