Leitlinien-Detailansicht

Angemeldetes Leitlinienvorhaben

Registernummer 028 - 024
Klassifikation S3

Diagnostik und Intervention bei Bindungsstörungen im Kindes- und Jugendalter (reaktive Bindungsstörung und soziale Bindungsstörung mit Enthemmung)

Anmeldedatum:

15.09.2022

Geplante Fertigstellung:

30.09.2025

Gründe für die Themenwahl:

Hintergrund: Bindungsstörungen umfassen zwei klinisch beobachtbare pathologische Verhaltensmuster, die sich in Folge einer frühen inadäquaten Betreuungs- und Erziehungsumwelt ausbilden. Während die sogenannte Reaktive Bindungsstörung durch ein durchgängiges Muster von gehemmten, emotional zurückgezogenen Verhaltensweisen gegenüber erwachsenen Bezugspersonen charakterisiert ist, ist die Soziale Bindungsstörung mit Enthemmung geprägt durch die wiederholte Tendenz, sich unbekannten Erwachsenen ohne Berührungsängste und in körperlich oder verbal aufdringlicher Weise zu nähern.
Neue Klassifikation: Im ICD-11 und DSM-5 wurden erstmalig die zwei Subtypen (reaktiver und enthemmter Subtyp) in zwei distinkte diagnostische Kategorien (Reaktive Bindungsstörung und soziale Bindungsstörung mit Enthemmung) eingeteilt, die neben der PTBS und den Anpassungsstörungen zu den wenigen Störungen gehören, deren Diagnose einen spezifischen Auslöser (inadäquate Betreuungs- und Erziehungsumwelt) beinhaltet. Eine gemeinsame Leitlinie für beide diagnostische Kategorien der Bindungsstörungen (ICD-11: 6B44 und 6B45) ist deshalb sinnvoll.
Relevanz: Auch wenn die Prävalenz von Bindungsstörungen in der Allgemeinbevölkerung und bei Kindern, die bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen eher niedrig (geschätzt < 1%) ist, ist die Relevanz dieser diagnostischen Entitäten in Hochrisikogruppen immens: So tritt die reaktive Bindungsstörung und die soziale Bindungsstörung mit Enthemmung bei Kindern in Pflegefamilien und in Heimunterbringung deutlich häufiger auf, und bei Kindern mit Misshandlungserfahrungen wird die Prävalenz auf bis zu 40 % geschätzt. Bindungsstörungen gelten zudem als Hauptursache für Platzierungswechsel in der Jugendhilfe und sind mit hohen ökonomischen Kosten und einem negativem Langzeit-Outcome assoziiert. Das Krankheitsbild selbst, aber auch der Screening- und diagnostische Prozess sind leider vielen Fachpersonen, die mit diesen Kindern zu tun haben, unbekannt.
Aktualisierung und Upgrade: Die Erstfassung der Leitlinie 028-024 hat zu einer Verbesserung der Kenntnisse über Bindungsstörungen beigetragen. Jedoch ist die Gültigkeit dieser S1-Leitlinie seit vielen Jahren abgelaufen. Neue Entwicklungen in der Klassifikation, Diagnostik und Therapie und aktuelle Forschungsergebnisse machen eine Aktualisierung erforderlich und ermöglichen ein Upgrade auf S3-Niveau.
Koordinationsbedarf (z.B. interdisziplinär, interprofessionell, intersektoral): Die o.g. S3-Leitlinie soll interdisziplinär und interprofessionell angelegt werden und beinhaltet Empfehlungen für die intersektorale Versorgung, um ein einheitliches Vorgehen zu gewährleisten.  

Zielorientierung der Leitlinie:

Das Ziel der Leitlinie ist es, einen aktuellen und praxisorientierten Zugang zur Diagnostik und Therapie von Bindungsstörungen für alle Berufsgruppen zu ermöglichen, die mit Kindern und Jugendlichen aus entsprechenden Hochrisikogruppen arbeiten. Auf der Grundlage systematischer Literaturrecherchen und -bewertungen sollen unter anderem folgende Fragestellungen adressiert und spezifiziert werden:

  1. Welche altersspezifischen Kernsymptome sollten zum Verdacht von Bindungsstörungen führen? (Entwicklung von Entscheidungsalgorithmen bezüglich des Vorgehens zur weiteren Diagnostik)
  2.  Welche standardisierten, altersspezifischen, deutschsprachigen Instrumente werden zum Zweck des Screenings oder zum Zweck der Diagnosestellung von Bindungsstörungen empfohlen? (Entwicklung von evidenzbasierten Empfehlungen für das diagnostische und differentialdiagnostische Vorgehen bei Bindungsstörungen) Daneben sollen altersspezifisch die häufigsten komorbiden Störungen aufgelistet werden, die im diagnostischen Prozess zusätzlich zu bedenken sind. Die standardisierte Diagnostik der komorbiden Störungen ist nicht Gegenstand dieser Leitlinie; dazu wird auf die entsprechenden störungsspezifischen Leitlinien verwiesen.
  3. Welche altersspezifischen Präventionsprogramme sind wirksam in der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention von Bindungsstörungen des Kindes- und Jugendalters?
  4. Welche altersspezifischen psychotherapeutischen sowie pharmakologischen Interventionen sind wirksam in der Therapie von Bindungsstörungen des Kindes- und Jugendalters?
  5. Welche Empfehlungen lassen sich für die intersektorale und multiprofessionelle Versorgung von Kindern mit erhöhtem Risiko für Bindungsstörungen ableiten, insbesondere hinsichtlich Platzierungsprozess, Platzierungskontext und weitergehender Maßnahmen?

Anmelder bei der AWMF (Person):

Prof. Dr. K. Konrad (Aachen), Prof. Dr. C. Freitag (Frankfurt), Prof. Dr. E. Möhler (Homburg/Saar), Prof. Dr. U. Ziegenhain (Ulm)

Anmeldende Fachgesellschaft(en):

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP)Visitenkarte

Leitliniensekretariat:

Prof. Dr. Kerstin Konrad

Sektion Klinische Neuropsychologie des Kindes- und Jugendalters
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
Universitätsklinikum RWTH Aachen
Neuenhofer Weg 21
52074 Aachen

e-Mail senden

Koordination:

Prof. Dr. Kerstin Konrad

Adressaten:

Adressaten sind alle ärztlichen Fachgruppen und nicht-ärztliche Fachpersonen, die mit Hochrisikogruppen von Kindern und Jugendlichen mit Bindungsstörungen arbeiten, d.h. aus den Bereichen Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendmedizin (inkl. Neonatologie), Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, psychologische Psychotherapie, Hebammen und Familienhebammen, Mitarbeiter/innen  im Bereich Kinderschutz, Frühförderstellen,  Frühe Hilfen, Pflege- und Adoptivfamilien und (teil)stationäre und ambulante Jugendhilfe, etc

Versorgungssektor:

ambulant, stationär, teilstationär  

Prävention, Früherkennung

Diagnostik,  Therapie

 primärärztliche Versorgung, spezialärztliche Versorgung

Patientenzielgruppe:

Kinder/Jugendliche

Methodik (Art der Konsensfindung / evidence-Basierung):

  • Formulierung klinischer Fragestellungen (u.a. nach PICO-Schema)
  • Systematische Literaturrecherchen in hierarchischer Form zu Meta-Analysen, RCTs und Beobachtungsstudien, die nach 11/2006 (da es sich um eine Aktualisierung der LL 028-024 handelt) publiziert wurden
  • Meta-analytische Aufarbeitung der Evidenz (PRISMA)
  • Graduierung der Evidenzqualität / Aussagesicherheit (GRADE)
  • Digitale Formatierung von Evidenzbasierung und Leitlinienempfehlung
  • Strukturierte Konsensfindung in einem nominalen Gruppenprozess unter Moderation der AWMF unter Einschluss der einschlägigen Fachverbände
  • Redaktionelle Aufbereitung, externe Begutachtung, Publikation von Langversion, Kurzversion, Patientenversion und Leitlinien-Report.

Ergänzende Informationen:

Beteiligung weiterer AWMF-Fachgesellschaften:
Angefragt sind:
-Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie,Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN)
-Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie (DGSP)
-Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)
-Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin e.V.

Beteiligung weiterer Fachgesellschaften oder Organisationen:
Angefragt sind:
-Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF)
-Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (VAKJP)
-Bundesgemeinschaft Leitender Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie Psychosomatik und Psychotherapie (BAG)
-Berufsverband der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP)
-Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj)
-Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT)- Fachgruppe Kinder/ Jugendliche
-Deutscher Hebammenverband e.V. (DHV)
-Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH)
-Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit (GAIMH)
-Bundesverband für Erziehungshilfe e.V. (AFET)
-Bundesverband für Pflege- und Adoptivkinder (PFAD BV)
-Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst (BAG ASD)
-Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter
-Bundesgeschäftsstelle der Kinderschutzzentren
-Verein Frauenhauskoordinierung (FHK)
-Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)  

Ein Antrag auf Förderung der Leitlinie wird beim Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss gestellt. Weitere Informationen werden im Falle einer Bewilligung ergänzt.