AWMF-Regelwerk Leitlinien: Strukturierte Konsensfindung

Die strukturierte Konsensfindung dient der Diskussion und Verabschiedung der Empfehlungen und somit der Beantwortung der klinisch relevanten Fragestellungen (1, 2).

Bei der Leitlinienentwicklung sollten wissenschaftlich begründete formale Konsensusverfahren wie der Nominale Gruppenprozess, die Strukturierte Konsensuskonferenz und/oder die Delphi-Technik eingesetzt werden (siehe Formale Konsensusfindungstechniken). Gründe für den Einsatz formaler Verfahren sind die Anfälligkeit von Entscheidungen des Einzelnen und von Gruppen für eine Vielzahl unerwünschter Einflüsse, die Überlegenheit formaler Verfahren bezüglich der Repräsentativität, Effizienz, Reproduzierbarkeit und Akzeptanz der Ergebnisse gegenüber informellen Verfahren (3). Bei der Auswahl der geeigneten Methode sollten Größe und Heterogenität der Gruppe, Komplexität des Themas und der Fragestellungen sowie vorhandene Ressourcen berücksichtigt werden (siehe Formale Konsensusfindungstechniken). Oft bewährt sich eine Kombination verschiedener Methoden, z.B. der Delphi-Technik unter Nutzung von webbasierten Werkzeugen zur Einholung eines ersten Trends der Gruppeneinschätzung, des Nominalen Gruppenprozesses zur Diskussion komplexer Themen in einer Arbeitsgruppe sowie der Formulierung und Graduierung von Empfehlungen. Die strukturierte Konsensuskonferenz dient der endgültigen Verabschiedung von Empfehlungen in einem großen Gremium.

Die Ergebnisqualität hängt wesentlich von der Vorbereitung und Durchführung der Verfahren ab. Die zu verabschiedenden Empfehlungen sind mit ausreichenden Hintergrundinformationen rechtzeitig schriftlich den Teilnehmenden zur Verfügung zu stellen (siehe auch Musterbrief "Einladung zur Konsensuskonferenz"). In das Konsensusverfahren selbst sollte mit der Darlegung der bisher erbrachten Vorarbeiten, Ziele und noch ausstehenden Aufgaben eingeführt werden (siehe unten Tabelle 5 und Formale Konsensusfindungstechniken).

Um bei der Durchführung mögliche Quellen systematischer Verzerrung und unerwünschte Gruppenphänomene zu erkennen und zu vermeiden, wird die Hinzuziehung externer, neutraler und in den Methoden der strukturierten Konsensfindung geschulter Moderator*innen empfohlen (z.B. AWMF-Leitlinienberater*in) (3-5). Der Ablauf und die Ergebnisse werden im Leitlinienreport dokumentiert.

 

AWMF-Regel für das Leitlinienregister: Klassifikation S2- und S3-Leitlinien (Auszug):

Handelt es sich um eine S2k oder S3 Leitlinie:

  • sind die Methoden zur Formulierung der Empfehlungen klar beschrieben, dazu sind formale, strukturierte Konsensustechniken erforderlich (z.B. Konsensuskonferenz, Nominaler Gruppenprozess oder Delphi-Verfahren (s. AGREE II, Kriterium 10).
  • wird jede Empfehlung im Rahmen einer strukturierten Konsensfindung unter neutraler Moderation diskutiert und abgestimmt, deren Ziele die Lösung noch offener Entscheidungsprobleme, eine abschließende Graduierung der Empfehlungen (S2k-Leitlinie) bzw. Festlegung des Empfehlungsgrades (S3-Leitlinie) und die Messung der Konsensstärke sind.

Bezug zum AGREE ll-Instrument:

Domäne 3: Genauigkeit der Leitlinien-Entwicklung

Kriterium 10: Das methodische Vorgehen bei der Formulierung der Empfehlungen ist eindeutig beschrieben.

Hilfen und Tipps:

  • Rechtzeitige Festlegung eines Termins (Datum, Uhrzeit, Ort)
  • Organisation von Raum, Catering, Medien für die Konsensuskonferenz (z.B. Laptop, Beamer, ggf. TED-System bei größeren Gruppen) oder der Webkonferenz (Sicherstellen, dass alle Teilnehmenden die erforderlichen technischen Voraussetzungen erfüllen, ggf. Einwahl auch per Telefon ermöglichen)
  • Rechtzeitige Einladung der Leitliniengruppe (Moderator*innen, Arbeitsgruppe, Mandatstragende, ggf. zusätzliche Teilnehmende wie Methodiker*innen oder Einzel- Expert*innen ohne Stimmrecht) 
  • Rechtzeitige Versendung von Unterlagen zur Vorbereitung der Konferenz und Information der Teilnehmenden
    - Entwurfsversionen von: Langversion und Leitlinienreport
    - Abstimmungsvorlage für abzustimmende Empfehlungen und Aussagen (Textverarbeitungsformat, kein Präsentationsformat verwenden)

 

DOC-Datei zum Herunterladen
DOC-Datei zum Herunterladen

 

Tabelle 5: Festlegung der Konsensusstärke

starker KonsensZustimmung von > 95 % der Teilnehmenden
KonsensZustimmung von > 75 - 95 % der Teilnehmenden
Mehrheitliche ZustimmungZustimmung von > 50 - 75 % der Teilnehmenden
Keine mehrheitliche ZustimmungZustimmung von < 50 % der Teilnehmenden

 

Ein Konsens mit Annahme der Empfehlung ist bei einer Zustimmung von > 75% der abstimmenden Mandatstragenden erzielt. Enthaltungen aufgrund von Interessenkonflikten werden von der Grundgesamtheit der abstimmenden Mandatstragenden abgezogen.

Umgang mit begründetem Dissens:

Wird lediglich eine mehrheitliche Zustimmung oder kein Konsens zu einer Empfehlung erzielt oder Dissens festgestellt, wird dieses Ergebnis ebenfalls in der Leitlinie an entsprechender Stelle und im Leitlinienreport dokumentiert.

Prinzipiell bestehen folgende Möglichkeiten zur Darlegung von Dissens:

  1. Die Fachgesellschaft beantragt die Aufnahme eines Sondervotums oder die Darlegung des begründeten Dissens zu den Aussagen, die nicht mitgetragen werden können. Dieses Sondervotum wird von der Fachgesellschaft selbst als konkreter Alternativvorschlag mit Begründung formuliert und in die Leitlinie aufgenommen.
  2. Die Fachgesellschaft beantragt Klarstellung im Leitlinienreport, dass sie am Entwicklungsprozess beteiligt war, jedoch den finalen Text der Leitlinie nicht mitträgt. Der Leitlinientext bleibt in diesem Fall unverändert in der Fassung, die von den Mitgliedern der Leitliniengruppe konsentiert und von den anderen Fachgesellschaften verabschiedet wurde.
  3. Die Fachgesellschaft zieht Ihre Beteiligung zurück und wird nicht mehr als Beteiligte genannt. Der Leitlinientext bleibt auch in diesem Fall unverändert wie unter 2.
  4. Die anderen beteiligten Fachgesellschaften entscheiden über Fortführung der Verhandlungen oder Herausgabe der Leitlinie ohne Beteiligung der Fachgesellschaft, die den Konsens nicht mit trägt.

Literatur

  1. Hoffmann JC, Fischer I, Höhne W, Zeitz M, Selbmann HK. Methodische Grundlagen für die Ableitung von Konsensusempfehlungen [Methodological basis for the development of consensus recommendations]. Z Gastroenterol. 2004 Sep;42(9):984-6. German
  2. Institute of Medicine (US) Clinical Practice Guidelines We Can Trust. Graham R, Mancher M, Miller-Wolman D, Greenfield S, Steinberg E, editors. Washington (DC): The National Academies Press; 2011. 290p.
  3. Murphy MK, Black NA, Lamping DL, McKee CM, Sanderson CF, Askham J, et al. Consensus development methods, and their use in clinical guideline development. Health Technol Assess. 1998;2(3):i-iv, 1-88.
  4. Koller M. Beiträge der Sozialpsychologie zur Analyse und Lösung von Problemen im deutschen Gesundheitssystem. Zeitschrift für Sozialpsychologie. 2005;36:47-60.
  5. Kopp I, Selbmann HK, Koller M. Konsensfindung in evidenzbasierten Leitlinien - vom Mythos zur rationalen Strategie [Consensus Development in Evidence-based Guidelines: from Myths to Rational Strategies]. Z Arztl Fortbild Qualitatssich. 2007;101:89-95.

 

Weiter zu: Benennen von Forschungsbedarfen

Zurück