AWMF-Regelwerk Leitlinien: Konstituierende Treffen

Das erste gemeinsame Treffen aller an der Erstellung der Leitlinie beteiligten Fachgesellschaften und Organisationen dient dem gegenseitigen Kennenlernen, der Einführung in die methodische Vorgehensweise der Leitlinienentwicklung nach dem Regelwerk der AWMF, der Diskussion und dem Abschluss der Aufgaben aus der Planungsphase und der Einleitung der wissenschaftlichen und inhaltlichen Leitlinienentwicklung. Das erste Treffen wird am Anfang der Leitlinienentwicklung oder - Aktualisierung organisiert und durchgeführt, in der Regel nach Anmeldung der Leitlinie. Dieses Treffen empfiehlt sich für alle Leitlinienklassen (1).

Prüfung der Vollständigkeit der Leitliniengruppe

Dabei wird festgestellt, ob die Leitliniengruppe vollständig ist, oder ob weitere Fachgesellschaften und Organisationen eingebunden werden sollen (siehe Zusammensetzung der Leitliniengruppe: Beteiligung von Interessengruppen). Die Vollständigkeit der Leitliniengruppe wird bei S2e-Leitlinien nicht unbedingt vorausgesetzt. 

Festlegung der Fragestellungen und Endpunkte

Die vorformulierten klinisch relevanten Fragestellungen werden in der Leitliniengruppe diskutiert, ggf. ergänzt und konsentiert. Wesentlich dabei ist, im ersten Schritt die für die Patient*innen/Bürger*innen relevanten Endpunkte festzulegen (s. Formulierung von klinisch relevanten Fragestellungen und Priorisierung von relevanten Endpunkten).

Festlegung der Strategien zur Beantwortung der Fragestellungen

Für jede klinisch relevante Fragestellung ist es hilfreich festzulegen, ob sie auf Grundlage einer systematischen Recherche nach aggregierter Evidenz, Primärstudien oder ggf. durch Leitlinienadaptation beantwortet werden soll. In begründeten Fällen ist auch eine Beantwortung im Expertenkonsens möglich (2) (s. Formulierung von klinisch relevanten Fragestellungen und Priorisierung von relevanten Endpunkten). Suchstrategien sollten beim konstituierenden Treffen geplant werden. Die Ausarbeitung der Suchstrategien erfolgt im Anschluss mit festgelegten Verantwortlichkeiten unter Einbeziehung der bearbeitenden Leitliniengruppenmitglieder und, falls beteiligt, externer methodischer Expert*innen.

Festlegung von Organisationsstruktur, Arbeits- und Zeitplan

Beim ersten Treffen werden weiterhin die Organisations-Struktur und der Zeit- und Aktivitätenplan mit Verantwortlichkeiten innerhalb der Leitliniengruppe festgelegt (s. Projektablaufplan). Je nach geplantem Umfang der Leitlinie kann die Etablierung einer LL-Steuergruppe und themenspezifischer Arbeitsgruppen zur Bearbeitung der klinisch relevanten Fragestellungen / Problembereiche sinnvoll sein. Darüber hinaus wird entschieden, ob ein Leitliniensekretariat eingerichtet werden soll und welche Aufgaben ggf. Methodiker*innen erhalten. Am Ende dieses Treffens haben alle Teilnehmenden Informationen darüber, wie die Leitlinie inhaltlich aussehen soll und wer welche Aufgaben übernimmt (1, 3, 4).  

Festlegung des Intessenkonfliktmanagements

Ein weiteres Ziel des konstituierenden Treffens ist die Besprechung der Erklärung von Interessen und des Umgangs mit Interessenkonflikten nach dem Regelwerk der AWMF (s. Erklärung von und Umgang mit Interessenkonflikten).

 

AWMF-Regel für das Leitlinienregister Klassifikation S2- und S3-Leitlinien (Auszug):

Handelt es sich um eine S2k- oder S3-Leitlinie:

  • ist die Leitliniengruppe repräsentativ für den Adressat*innenkreis und sind Vertretende der entsprechend zu beteiligenden Fachgesellschaft(en) und/oder Organisation(en) inkl. der Patient*innen/Bürger*innen in die Leitlinienentwicklung frühzeitig eingebunden (s. AGREE ll-Kriterium 4+5).

Handelt es sich um eine S2e-Leitlinie:

  • werden die Sichtweise und die Präferenzen der Patient*innen/Bürger*innen ermittelt (s. AGREE ll-Kriterium 5).

Bezug zum AGRE  ll-Instrument:

Domäne 1: Geltungsbereich und Zweck

Kriterium 3: Die Zielpopulation (z. B. Patienten, Bevölkerung) der Leitlinie ist eindeutig beschrieben.

Domäne 2: Beteiligung von Interessengruppen

Kriterium 4: Die Entwicklergruppe der Leitlinie schließt Mitglieder aller relevanten Berufsgruppen ein.

Kriterium 5: Die Ansichten und Präferenzen der Zielpopulation (z. B. Patienten, Bevölkerung) wurden ermittelt.

Kriterium 6:  Die Anwenderzielgruppe der Leitlinie ist eindeutig beschrieben.

Hilfen und Tipps:

  • Gewährleistung einer neutralen Moderation (z.B. AWMF-Leitlinienberater*in
  • Rechtzeitige Festlegung eines Termins (Datum, Uhrzeit, Ort)
  • Überlegung, ob die Konferenz als Präsenztreffen oder Webkonferenz stattfinden soll
  • Organisation bei Präsenztreffen von Raum, Catering, Medien für die Konsensuskonferenz (z.B. Laptop, Beamer), bei Webkonferenz Festlegung des Online-Meeting-Werkzeugs, Klärung technischer Fragen für die Teilnehmenden, Möglichkeit eröffnen, auch per Telefon teilzunehmen, ggf. Bereitstellung eines TED (Teledialog)-Systems zur Abstimmung bei Präsenz- oder Webkonferenz
  • Die Fachgesellschaften sollten bereits ihre Mandatstragenden benannt haben
  • Rechtzeitige Einladung und Versendung von Unterlagen für das Treffen an alle Mitglieder der Leitliniengruppe und, sofern eingeplant, externe Moderator*innen sowie ggf. weitere Teilnehmende (Beobachtende, externe Expert*innen)

 

Literatur

  1. AGREE Collaboration, Appraisal of Guidelines for Research & Evaluation ll - AGREE ll Instrument - Deutsche Version: AGREE NEXT STEPS Consortium; 2014. Verfügbar: https://www.agreetrust.org/wp-content/uploads/2014/03/AGREE_II_German-Version.pdf (Zugriff 16.11.2020)
  2. Guyatt GH, Alonso-Coello P, Schunemann HJ, Djulbegovic B, Nothacker M, Lange S, et al. Guideline panels should seldom make good practice statements: guidance from the GRADE Working Group. J Clin Epidemiol. 2016;80:3-7
  3. McMaster University. G-I-N McMaster Guideline Development Checklist - 4. Establishing Guideline Group Processes. Verfügbar:  https://cebgrade.mcmaster.ca/guidelinechecklistonline.html#Establishingtable (Zugriff 16.11.2020)
  4. Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien. Methoden-Report. 5. Auflage. Verfügbar: https://www.leitlinien.de/methodik/methodenreport/1-ziele-grundlagen (Zugriff 13.11.2020)

 

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