Leitlinien-Detailansicht

Angemeldetes Leitlinienvorhaben

Registernummer 053 - 047
Klassifikation S3

Multimorbidität

Anmeldedatum:

11.12.2014

Geplante Fertigstellung:

31.12.2017

Gründe für die Themenwahl:

Bereits im Jahr 2005 machte die US-amerikanische Geriaterin Cynthia Boyd und ihre Kollegen in einer Schlüsselpublikation im JAMA auf die Problematik von auf Einzelerkrankungen fokussierende medizinische Leitlinien aufmerksam. Am Fall einer 79-jährigen Patientin mit arterieller Hypertonie, Herzinsuffizienz, koronare Herzerkrankung, Vorhofflimmern, Arthrose, Osteoporose, Diabetes und COPD demonstrierten sie in eindrucksvoller Weise: wenn man diese Patientin leitliniengerecht behandeln würde, erhielte sie entsprechend der Leitlinienempfehlungen 12 verschiedene Medikamente und müsste ein kompliziertes, nichtmedikamentöses Therapieprogramm bestehend aus 24 täglich zu befolgenden verhaltensbezogenen Therapieregeln einhalten. Die Kosten für diese Medikation wurden mit 13$ am Tag bzw. 4877$ im Jahr beziffert. Die Illustration dieses Falles zeigt, dass die Kumulation von Einzelerkrankungsleitlinien problematisch sein kann. Dies insbesondere, als eine solche Verkettung von monomorbid ausgerichteten Leitlinienempfehlungen, die sich inhaltlich nicht auf einander beziehen, das Potential hat

- Polypharmazie und

- unüberschaubare Interaktionen sowie unerwünschte Wirkungen

- widersprüchliche Behandlungsstrategien zu verursachen.

Seither rückte die Problematik, dass Leitlinien in aller Regel keine Handlungsempfehlungen für multimorbide Patienten enthalten, zunehmend in den Fokus der wissenschaftlichen Diskussion. Prinzipiell besteht ein breiter Konsens, dass Leitlinien explizit darauf eingehen sollten, inwieweit die einzelnen Empfehlungen bei Multimorbidität Gültigkeit besitzen. Hinzu kommt die z. B. von Tinetti et al. 2012 im JAMA formulierte Forderung, Versorgung an den Prioritäten und Ziele der Patienten auszurichten – auf einer Evidenzgrundlage, die systematisch an Individuen mit multiplen Erkrankungen erhoben wurde. Allerdings mangelte es bislang an konkreten Ansätzen zur konzeptionellen und methodischen Umsetzung

Zielorientierung der Leitlinie:

Dass es eine Leitlinie „Multimorbidität“ je geben könne, ist bislang umstritten. Das Kriterium „Multimorbidität“ trifft auf eine große, heterogene Population zu. Es ist eine Herausforderung, für diese heterogene Zielgruppe einheitliche Behandlungsempfehlungen zu formulieren. Zudem existieren keine klinischen Studien mit dem Fokus auf Multimorbidität. Zielgruppenspezifische Evidenz fehlt somit.

Wir wollen dennoch den Versuch wagen, eine S3-Leitlinie „Multimorbidität“ zu erstellen, indem wir neue Wege beschreiten und Bottom-Up- sowie Top-Down-Ansätze miteinander verbinden.

Das Vorgehen ist zweistufig:

(1) Systematische Recherche nach klinischen Empfehlungen für Multimorbidität.

(2) Danach wollen wir einen innovativen Ansatz wählen, nämlich das neue, bislang unpublizierte Konzept der N-of-one-Guidelines. In Anlehnung an N-of-one-Trials (Einzelpersonen-RCTs) stellen fallbezogene N-of-one-Guidelines Algorithmen für einen einzigen multimorbiden Patienten mit einer speziellen Problemlage dar. Durch die Synthese mehrerer Einzelalgorithmen möchten wir basierend auf einem inhaltsanalytischen Verfahren einen Meta-Algorithmus „Multimorbidität“ entwickeln.

Verbindung zu vorhandenen Leitlinien anderer Fachgesellschaften:
Anmelder bei der AWMF (Person):

Dr. Anne Barzel

Anmeldende Fachgesellschaft(en):

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)Visitenkarte

Beteiligung weiterer AWMF-Gesellschaften:

Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM)Visitenkarte

Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)Visitenkarte

Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie e. V.(DGGG)Visitenkarte

Leitliniensekretariat:

Dr. Anne Barzel

DEGAM-Geschäftsstelle Leitlinien
c/o Institut für Allgemeinmedizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52
20246 Hamburg

Tel.: +49 (0)40 7410 - 59769

Fax.: +49 (0)40 7410 - 53681

e-Mail senden

Koordination:

Prof. Dr. med. Martin Scherer

Institut für Allgemeinmedizin,
UKE Hamburg

Adressaten:

Ambulant tätige Ärzte, in erster Linie Hausärzte, aber u.a. auch Internisten, Geriater

Versorgungssektor:

- ambulant (ggf. stationär/teilstationär)

- primärärztliche Versorgung

Patientenzielgruppe:

Multimorbide Patientinnen und Patienten (mindestens 3 chronische Erkrankungen) mit oder ohne akute Beratungsanlässe und ggfs. komplexen psychosozialen Problemlagen

Methodik (Art der Konsensfindung / evidence-Basierung):

Methodisches Vorgehen entsprechend dem 10-Stufen-Plan der DEGAM, im Einzelnen wie folgt:

I. Systematische Recherche nach klinischen Empfehlungen bei Multimorbidität

II. Entwicklung eines Meta-Algorithmus Multimorbidität (siehe ANHANG)

1. Entwicklung von 10 Fallvignetten im Rahmen eines ganztägigen Expertenworkshops

2. Leitlinienextraktion und Expertenbefragung zu den Fällen

3. Entwicklung der fallspezifischer Algorithmen (N-of-one-guidelines) aus Leitlinienextraktion, Expertenempfehlungen und Patientensicht

4. Entwicklung eines Meta-Algorithmus für Multimorbidität aus der Synthese der 10 N-of-one-guidelines

5. Exploration von Patientenperspektiven, Werthaltungen entlang der 10 Fallvignetten

6. Adaptation des Meta-Algorithmus durch Integration der Patientenperspektive Die Schritte 1.-4. sind innerhalb der letzten 1,5 Jahre bereits abgearbeitet worden. Schritt 5. und 6. sind in Arbeit.

III. Formulierung von Kernempfehlungen und Hintergrundtext. Panel- und Praxistest sowie formaler Konsensusprozess.

Ergänzende Informationen:

Leitlinienmanuskript zur Begutachtung eingereicht, Review noch nicht abgeschlossen.

Beteiligung weiterer Fachgesellschaften oder Organisationen:

Patientenrekrutierung aus einem anderen Projekt (Multicare) bzw. über Hausarztpraxen