AWMF-Regelwerk Leitlinien: Vorbereitung der Implementierung

Erst bei Anwendung einer Leitlinie in der Klinik und Praxis entscheidet sich deren Nutzen. Implementierung bedeutet die schwierige Aufgabe, Handlungsempfehlungen in individuelles Handeln zu transferieren. Eine hohe methodische und fachliche Qualität und gute Verbreitung der Leitlinien reicht in der Regel nicht aus, eine Verhaltensänderung herbeiführen. Welche Hindernisse, selbst bei Kenntnis und Akzeptanz, sich bei der Umsetzung von Leitlinienempfehlungen ergeben, verdeutlicht das klassische Thema „Handhygiene im Krankenhaus“.

Im ersten Schritt sollten mögliche organisatorische, strukturelle, personelle und finanzielle Barrieren identifiziert und Lösungsvorschläge angeboten werden. Im zweiten Schritt sollte überlegt werden, welche Strategien der Implementierung von der Leitliniengruppe aktiv unterstützt werden können. Die Ergebnisse beider Schritte sollten in der Leitlinie oder im Leitlinienreport dargelegt werden.

Die Leitliniengruppe sollte sich Gedanken über Verwertungsrechte und Urheberrechte im Rahmen der Verbreitung der Leitlinie machen. Die Urheberrechte stehen den Mitgliedern der Leitliniengruppe gemeinschaftlich zu. Für die Nutzung der Leitlinien in verschiedenen Publikationsformen (z.B. Abdrucke, neue Verbreitungsformen wie Apps) oder für die Einräumung eines Unternutzungsrechts an Dritte (z.B. bei Kooperationen mit Verlagen) ist die Zustimmung der Urheberrechtsgemeinschaft erforderlich. Eine solche Zustimmung kann durch Abstimmung der Leitliniengruppe, zum Beispiel im Rahmen der Konsensuskonferenzen (s. Strukturierte Konsensfindung) eingeholt werden, die dokumentiert wird.

AWMF-Regel für das Leitlinienregister:

Keine

Bezug zum DELBI-Instrument:

Domäne 5: Generelle Anwendbarkeit

Kriterium 19: Erfassung und Diskussion hemmender und fördernder Faktoren

Kriterium 20: Berücksichtigung finanzieller Auswirkungen

Domäne 7: Anwendbarkeit im deutschen Gesundheitssystem

Kriterium 27: Konzept für die Zugänglichkeit und Verbreitung der Leitlinie

Kriterium 28: Konzept zur Implementierung der Leitlinie

Hilfen und Tipps:

Empfehlenswerte Strategien zur Implementierung sind z.B.:

  • Einholung von Rückmeldungen von Patienten, Pflegepersonal, Ärzten
  • lokale Konsensusgruppen zur Übernahme bzw. Anpassung der Leitlinie
  • interaktive Fortbildungen zu den Leitlinieninhalten
  • Diskussion der Leitlinie in Qualitätszirkeln

Die Implementierung kann von der Leitliniengruppe selbst bestmöglich vorbereitet werden durch „Gute Praxis der Leitlinienentwicklung“, Redaktion und Verbreitung sowie Öffentlichkeitsarbeit. Es wird empfohlen, dass die Mitglieder der Leitliniengruppe sich darüber hinaus für die Umsetzung von Implementierungsstrategien einsetzen.

Beispiel: Barrierenanalyse (Force Field Analysis)

Weiterführende Literatur

  • AGREE II – aktuelle Fassung unter www.agreetrust.org (Domain 5. Applicability).
  • Cabana MD, Rand CS, Powe NR, Wu AW, Wilson MH, Abboud PAC, Rubin HR (1999) Why don’t physicians follow clinical practice guidelines? A framework for improvement. Journal of the American Medical Association 282:1458-65.
  • DELBI – aktuelle Fassung unter www.delbi.de (Domäne 5: Generelle Anwendbarkeit; Domäne 7: Anwendbarkeit im deutschen Gesundheitssystem).
  • French SD, Green SE, O'Connor DA, McKenzie JE, Francis JJ, Michie S, Buchbinder R, Schattner P, Spike N, Grimshaw JM. (2012) Developing theory-informed behaviour change interventions to implement evidence into practice: a systematic approach using the Theoretical Domains Framework. Implement Sci. 24(7):38.
  • Grimshaw JM et al. (2004) Effectiveness and efficiency of guideline dissemination and implementation strategies. Health Technol Assess 8:1-72.
  • Gross PA, Pujat D (2001) Implementing practice guidelines for appropriate antimicrobial usage: a systematic review. Med Care 39(8 Suppl 2):II55-69.
  • IOM (Institut of Medicine) (2011) Clinical Practice Guidelines We Can Trust. Washington, DC: The National Academies Press. www.iom.edu (Chapter 6. Promoting Adoption of Clinical Practice Guidelines).
  • Margolis CZ, Cretin S (1999) Implementing Clinical Practice Guidelines. Washington DC: AHA Press
  • Rogers E M. (2003) Diffusion of Innovations. New York, Free Press.
  • Selbmann H-K, Kopp I (2005) Implementierung von Leitlinien in den Versorgungsalltag. Die Psychiatrie 1(2):33-8.
  • Wienke A, Nölling T (2012) Urheberrechte an medizinisch-wissenschaftlichen Leitlinien: Rechteinhaber, Rechteverwertung und Rechteübertragung. GMS Mitteilungen aus der AWMF 2012, Vol. 9, ISSN 1860-4269. Verfügbar: http://www.egms.de/static/pdf/journals/awmf/2012-9/awmf000265.pdf.

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