AWMF-Regelwerk Leitlinien: Strukturierte Konsensfindung

Die strukturierte Konsensfindung dient der Diskussion und Verabschiedung der Empfehlungen und somit der Beantwortung der klinisch relevanten Fragestellungen.

Bei der Leitlinienentwicklung sollten wissenschaftlich begründete formale Konsensusverfahren wie der Nominale Gruppenprozess, die Strukturierte Konsensuskonferenz und die Delphi-Technik eingesetzt werden (s. Anhang 8). Wesentliche Rationale für den Einsatz formaler Verfahren sind die Anfälligkeit von Entscheidungen des Einzelnen und von Gruppen für eine Vielzahl unerwünschter Einflüsse, die Überlegenheit formaler Verfahren bezüglich der Repräsentativität, Effizienz, Reproduzierbarkeit und Akzeptanz der Ergebnisse gegenüber informellen Verfahren. Bei der Auswahl der geeigneten Methode sollten verfahrensspezifische Charakteristika, Größe und Heterogenität der Gruppe, Komplexität des Themas und der Fragestellung an die beteiligten Experten sowie vorhandene Ressourcen berücksichtigt werden (s. Anhang 8). Oft bewährt sich eine Kombination verschiedener Methoden, z.B. der schriftlichen Delphi-Technik zur Einholung eines ersten Trends der Gruppeneinschätzung, des Nominalen Gruppenprozesses zur Diskussion komplexer Themen und Formulierung und Graduierung von Empfehlungen sowie der Strukturierten Konsensuskonferenz zur endgültigen Verabschiedung von Empfehlungen in einem großen Gremium.

Die Ergebnisqualität hängt wesentlich von der Vorbereitung und Durchführung der Verfahren ab. Aus diesem Grund sind die zu konsentierenden Materialien mit ausreichenden Hintergrundinformationen rechtzeitig schriftlich den Teilnehmern zu Verfügung zu stellen. In das Konsensusverfahren selbst sollte mit der Darlegung der bisher erbrachten Vorarbeiten, Ziele und noch ausstehenden Aufgaben eingeführt werden.

Um bei der Durchführung mögliche Quellen systematischer Verzerrung zu erkennen und zu vermeiden, wird die Hinzuziehung eines externen, unabhängigen und in den Methoden der strukturierten Konsensfindung geschulten Moderators empfohlen (z.B. eines/r AWMF-Leitlinienberater/in). Der Ablauf und die Ergebnisse werden im Leitlinienreport dokumentiert.

AWMF-Regel für das Leitlinienregister:

Im Einzelnen sind folgende Kriterien zu beachten, wenn eine Leitlinie der Klasse S2k oder S3 erstellt werden soll:

  • klare Beschreibung der Methoden zur Formulierung der Empfehlungen, dazu sind formale, strukturierte Konsensustechniken erforderlich (z.B. Konsensuskonferenz, Nominaler Gruppenprozess oder Delphi-Verfahren) (DELBI-Domäne 3, Kriterium 10)
  • Diskussion und Abstimmung jeder Empfehlung im Rahmen einer strukturierten Konsensfindung unter neutraler Moderation, deren Ziele die Lösung noch offener Entscheidungsprobleme, eine abschließende Bewertung der Empfehlungen und die Messung der Konsensstärke sind.

Bezug zum DELBI-Instrument:

Domäne 3: Methodologische Exaktheit der Leitlinien-Entwicklung

Kriterium 10: Darstellung des Verfahrens und der Ergebnisse zur Konsensfindung der Empfehlungen

Hilfen und Tipps:

  • Rechtzeitige Festlegung eines Termins (Datum, Uhrzeit, Ort)
  • Organisation von Raum, Catering, Medien für die Konsensuskonferenz (z.B. Laptop, Beamer, ggf. TED-System bei größeren Gruppen)
  • Rechtzeitige Einladung der Leitliniengruppe (Moderatoren, Arbeitsgruppe, Teilnehmer, Mandatsträger/in)
DOC-Datei für Download
  • Rechtzeitige Versendung von Unterlagen zur Vorbereitung der Konferenz und Information der Teilnehmer
  •    Entwurfsversionen von: Langversion und Leitlinienreport
  •    Abstimmungsvorlage für zu konsentierende Empfehlungen und
       Aussagen (Textverarbeitungsformat, kein Präsentationsformat
       verwenden!)

Klassifikation der Konsensusstärke

starker KonsensZustimmung von > 95 % der Teilnehmer
KonsensZustimmung von > 75 - 95 % der Teilnehmer
mehrheitliche ZustimmungZustimmung von > 50 - 75 % der Teilnehmer
kein KonsensZustimmung von < 50 % der Teilnehmer

 

Umgang mit begründetem Dissens:

Wird kein Konsens erzielt, wird dieses Ergebnis ebenfalls in der Leitlinie an entsprechender Stelle und im Leitlinienreport dokumentiert. Prinzipiell bestehen folgende Möglichkeiten:

  1. Die Fachgesellschaft beantragt die Aufnahme eines Sondervotums oder die Darlegung des begründeten Dissens zu den Aussagen, die nicht mitgetragen werden können. Dieses Sondervotum wird von der Fachgesellschaft selbst als konkreter Alternativvorschlag mit Begründung formuliert und in die Leitlinie aufgenommen.
  2. Die Fachgesellschaft beantragt Klarstellung im Leitlinienreport, dass sie am Entwicklungsprozess beteiligt war, jedoch den finalen Text der Leitlinie nicht mitträgt. Der Leitlinientext bleibt in diesem Fall unverändert in der Fassung, die von den Mitgliedern der Leitliniengruppe konsentiert und von den anderen Fachgesellschaften verabschiedet wurde.
  3. Die Fachgesellschaft zieht Ihre Beteiligung zurück und wird nicht mehr als Beteiligte genannt. Der Leitlinientext bleibt auch in diesem Fall unverändert wie unter 2.
  4. Die anderen beteiligten Fachgesellschaften entscheiden über Fortführung der Verhandlungen oder Herausgabe der Leitlinie ohne Beteiligung der Fachgesellschaft, die den Konsens nicht mit trägt.

Weiterführende Literatur

  • AGREE II – aktuelle Fassung unter www.agreetrust.org (Domain 3. Rigour of Development).
  • Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (2010) Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien. Methoden-Report. 4. Auflage. [cited: 30.07.2010]. Available from: www.versorgungsleitlinien.de/methodik/reports.
  • DELBI – aktuelle Fassung unter www.delbi.de (Domäne 3: Methodologische Exaktheit der Leitlinien-Entwicklung).
  • Hoffmann JC, Fischer I, Höhne W, Zeitz M, Selbmann HK (2004) Methodological basis for the development of consensus recommendations. Z Gastroenterol 42(9):984-6.
  • IOM (Institut of Medicine) (2011) Clinical Practice Guidelines We Can Trust. Washington, DC: The Nationale Academies Press. www.iom.edu (Chapter 5. Current Best Practices and Proposed Standards for Development of Trustworthy CPGs: Part II, Traversing the Process).
  • Koller M. (2005) Beiträge der Sozialpsychologie zur Analyse und Lösung von Problemen im Deutschen Gesundheitssystem: das Beispiel Leitlinien Zeitschrift für Sozialpsychologie. 36(2):47-60.
  • Kopp I, Selbmann HK, Koller M (2007) Konsensfindung in evidenzbasierten Leitlinien – vom Mythos zur rationalen Strategie. ZaeFQ 101:89-95.
  • Murphy MK, Black NA, Lamping DL, McKee CM, Sanderson CFB, Askham J, Marteau T. (1998) Consensus Development methods and their use in clinical guideline development. Health Techn Assess. 2(3):i-iv,1-88.

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