AWMF-Regelwerk Leitlinien: Recherche, Auswahl und methodische Bewertung bereits vorhandener Leitlinien und deren Aufbereitung

Um den Aufwand für eigene Literaturrecherchen einzugrenzen, ist es zunächst sinnvoll, nach thematisch relevanten nationalen und internationalen Leitlinien zu suchen. Eine gezielte Recherche im AWMF-Leitlinienregister dient darüber hinaus der Vermeidung ungeklärter Widersprüche in verschiedenen Leitlinien zu verwandten Themengebieten. Die Auswahl einer oder mehrerer Leitlinien als Quellleitlinie(n) richtet sich nach der inhaltlichen Angemessenheit, der Aktualität, der Übertragbarkeit auf das deutsche Gesundheitssystem und der Qualität nach der Bewertung mit DELBI. Die relevanten zu übernehmenden Empfehlungen aus den Quellleitlinien werden entsprechend dokumentiert.

AWMF-Regel für das Leitlinienregister:

Dies beinhaltet bei den Klassifikationen S2e und S3:

  • eine systematische Suche nach Leitlinien zum gleichen Thema und Prüfung, ob einzelne Empfehlungen daraus übernommen bzw. adaptiert werden können (DELBI-Domäne 8, Kriterien 30-34).

Bezug zum DELBI-Instrument:

Domäne 8: Methodologische Exaktheit der Leitlinienentwicklung bei Verwendung existierender Leitlinien

Kriterium 30: Suche nach existierenden Leitlinien

Kriterium 31: Auswahl als Evidenzquelle

Kriterium 32: Überprüfung der Qualität

Kriterium 33: Aktualisierungsrecherchen zu den Quellleitlinien

Kriterium 34: Modifikationen zu den Empfehlungen

Hilfen und Tipps:

Hilfreiche Datenbanken für die LL-Recherche können u.a. sein:

  • AWMF
  • ÄZQ
  • Homepages der deutschen Fachgesellschaften / Organisationen
  • Guideline International Network (GIN)
  • National Guideline Clearinghouse (NGC)
  • Homepages internationaler Fachgesellschaften / Organisationen
  • Medline (PubMed)

Die Suche erfolgt in den Datenbanken in der Regel mit einzelnen Schlagwörtern zum Krankheitsbild, da die Trefferzahl größtenteils überschaubar ist und von Hand durchsucht werden kann.

Die Selektion bzw. das Screening erfolgt nach im Vorfeld festgelegten Ein- und Ausschlusskriterien.

Für die Recherche nach Leitlinien in PubMed kann es hilfreich sein, einen sogenannten Suchfilter (logische Verknüpfung charakteristischer Schlagworte) einzusetzen, um die Trefferzahlen einzugrenzen, sofern sich bei initialen Suche eine hohe Trefferzahl ergibt, z.B.

guideline*[TI] OR recommendation*[TI] OR consensus[TI] OR

standard*[TI] OR „position paper“ [TI] OR „clinical pathway*“ [TI]

OR „clinical protocol*“ [TI] OR „good clinical practice“ [TI]

Dokumentation der Suchstrategie nicht vergessen!

Beispiel einer Dokumentation der Leitlinienrecherche:

Es wird empfohlen, nach Sichtung der Quellleitlinie(n) ein Treffen der gesamten Leitliniengruppe zur Diskussion der Inhalte, zur Feststellung des Bedarfs ergänzender Literaturrecherchen und zur Festlegung der Recherchestrategie einzuplanen. Wird die Recherche und Auswahl von Quellleitlinien bereits vor dem ersten Treffen der gesamten Leitliniengruppe (s. Konstituierende Treffen) durch die Leitlinienkoordinatoren und/oder die Steuergruppe geleistet, kann diese Information bereits zur Konsentierung der relevanten Fragestellungen sinnvoll genutzt und im Rahmen der konstituierenden Sitzung zusätzlich bereits die Planung weiterer Literaturrecherchen erfolgen.

Die Inhalte der ausgewählten Quellleitlinien werden im nächsten Schritt den einzelnen Fragestellungen (s. Formulierung von klinisch relevanten Fragestellungen) zugeordnet und in einer Leitliniensynopse zusammengefasst. Dazu können verschiedene Darstellungen genutzt werden.

Beispiel 1- Leitliniensynopse: Regelmäßiges Retinopathie Screening bei Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus?

Beispiel 2 - Leitliniensynopse: Neoadjuvante Chemotherapie beim Magenkarzinom

Anhand der Leitliniensynopse wird für die einzelne Fragestellung entschieden:

  • Adaptation der LL-Empfehlung (Übernahme des Inhalts, angegebener Level of Evidence und Empfehlungsgrad)
  • Nutzung der in der Leitlinie aufgearbeiteten Evidenz (z.B. Evidenztabellen)
  • Berücksichtigung der Empfehlungen als Hintergrundinformationen und Feststellung des Bedarfs eigener Literaturrecherchen
  • keine Berücksichtigung

Weiterführende Literatur

  • AGREE II – aktuelle Fassung unter www.agreetrust.org (Domain 3. Rigour of Development).
  • DELBI – aktuelle Fassung unter www.delbi.de (Domäne 8: Methodologische Exaktheit der Leitlinienentwicklung bei Verwendung existierender Leitlinien).
  • IOM (Institut of Medicine) (2011) Clinical Practice Guidelines We Can Trust. Washington, DC: The Nationale Academies Press. www.iom.edu (Chapter 3. Trustworthy Clinical Practice Guidelines: Challenges and Potential; Chapter 4. Current Best Practices and Proposed Standards for Development of Trustworthy CPGs: Part I, Getting Started; Chapter 5. Current Best Practices and Proposed Standards for Development of Trustworthy CPGs: Part II, Traversing the Process).
  • Qaseem A, Forland F, Macbeth F, Ollenschläger G, Phillips S, van der Wees P; for the Board of Trustees of the Guidelines International Network (2012) Guidelines International Network: Toward International Standards for Clinical Practice Guidelines. Ann Intern Med. 156(7):525-531.

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