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Arbeitsgemeinschaft der
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Arbeitskreis "Krankenhaus- & Praxishygiene" der AWMF
Working Group 'Hospital & Practice Hygiene' of AWMF

Leitlinien zur Hygiene in Klinik und Praxis


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 029/029   Entwicklungsstufe:   1 + IDA 
Zitierbare Quelle:
HygMed 2014:39-3, S. 82-86

Hygienemaßnahmen beim Patiententransport

 

  1. Einleitung
  2. Hygienemaßnahmen beim Patiententransport haben sowohl die Sicherheit der Patienten als auch die Sicherheit des am Transport beteiligten Personals zur Aufgabe.

    Die nachfolgende Empfehlung richtet sich ausschließlich an den sogenannten qualifizierten Patiententransport im Kranken- oder Rettungswagen.

    An die Transportmittel müssen sowohl in hygienischer, thermophysiologischer und sicherheitstechnischer Hinsicht als auch bezüglich Sitz- und Lagerungsposition höhere Anforderungen gestellt werden, als an öffentliche oder gewerbliche Transportmittel (z.B. Taxi-Fahrdienste).

    Der Transport von Patienten mit erhöhter Infektionsgefährdung (z.B. bei Immunsuppression) sowie von Patienten mit übertragbaren Krankheiten bedarf detaillierter Arbeitsanweisungen, um ein zusätzliches Gefährdungspotential auszuschließen und dem Personal Sicherheit im Bewältigen dieser Transporte zu geben.

    Ein höheres Infektionsrisiko ergibt sich aus:

    Vorangegangenem Transport von Patienten mit Infektionen oder Infektionskrankheiten ohne ausreichende Dekontaminationsmaßnahmen

    Technisch aufwändigem Transport von z.B. beatmeten Patienten

    Transport unter Stress für das Personal wie z.B. im Notfalleinsatz

    Maßnahmen während des Transportes können eine erhöhte Gefährdung für Patient ( z.B. durch ungenügende Desinfektionsmaßnahmen) und Personal (z.B. durch ein erhöhtes Risiko für Stichverletzungen) mit sich bringen.

    Das Fahrzeug muss in kurzer Zeit für den nächsten Transport vorbereitet werden, die hygienische Aufbereitung der auf engstem Raum gelagerten Ausrüstung ist schwierig und aufwändig.

    Auch wenn der Erhalt vitaler Funktionen gegenüber der Ausschaltung von Infektionsgefahren Priorität hat, sind in allen Fällen die elementaren Grundregeln der Hygiene zu beachten [1, 2].

  3. Transportübernahme
  4. Erkrankungen mit erhöhtem Infektionsrisiko sind dem Krankentransportpersonal bzw. Rettungsdienst vor dem Transport mitzuteilen. Die notwendigen Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen ergeben sich aus der Einteilung der Patienten in Kategorien:

    Kategorie A:
    Patienten, bei denen kein Anhalt für das Vorliegen einer Infektionserkrankung besteht.

    Kategorie B:
    Patienten, bei denen zwar eine Infektion besteht und diagnostiziert wurde, diese jedoch nicht durch beim Transport übliche Kontakte übertragen werden kann. Darunter fallen auch Tuberkulose exkl. offene Lungentuberkulose, Virushepatitis bei Patienten ohne offene und blutende Wunden sowie HIV-Infektion ohne klinische Zeichen eines Vollbildes AIDS

    Kategorie C-I:
    Patienten, bei denen die Diagnose gesichert ist oder der begründete Verdacht besteht, dass sie an einer kontagiösen Infektionskrankheit leiden (z.B. an offener Lungentuberkulose, Meningokokken-Meningitis, Diphtherie, Milzbrand, Windpocken, generalisiertem Zoster, Cholera, Typhus, Tollwut) sowie Patienten mit Infektionen oder bekannter Kolonisation durch multiresistente Erreger, bei denen die Gefahr einer Weiterverbreitung besteht (z.B. Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA)).

    Kategorie C-2:
    Patienten, bei denen auch nur der begründete Verdacht auf eine Infektionskrankheit mit besonders gefährlichen Erregern besteht ( z.B. hämorrhagisches Fieber (Lassa, Ebola), Pocken, Pest, Lungenmilzbrand, SARS).

    Kategorie D:
    Patienten, die in besonderem Maße infektionsgefährdet sind, z.B. durch ausgedehnte Verbrennungen, oder Immunsuppression (z.B. manifeste AIDS-Erkrankung, Leukopenie (≥ 500 Neutrophile), Agranulocytose)

  5. Patiententransporte
  6. Zusätzlich zu den genannten Kategorien kann zwischen akuten und geplanten (elektiven) Transporten unterschieden werden.

    Bei Notfalltransporten ist mitunter über die Patienten und ihre Vorerkrankungen nichts bekannt. Schwere Vorerkrankungen, die eine Herabsetzung des Immunsystems bedingen, sind ebenso möglich wie übertragbare Infektionskrankheiten ( z.B. offene Lungentuberkulose). Die Patienten sind in der Regel durch ein akutes Ereignis in ihrer Immunitätslage beeinträchtigt. Blut, Erbrochenes etc. bedeuten eine zusätzliche Gefährdung des Personals.

    Bei geplanten Transporten kann die nachfolgend erforderliche Dekontamination dadurch erleichtert werden, dass die medizinische Einrichtung des Fahrzeugs auf das erforderliche Minimum reduziert wird. Wenig benötigte Utensilien können in die Fahrerkabine verbracht werden, die vom Patientenbereich in der Regel abgeschottet werden kann.

    3.1 Kategorie A

    3.2 Kategorie B

    3.3. Kategorie C-1

    3.4. Kategorie C-2

    3.5. Kategorie D

  7. Allgemeine Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen
  8. 4.1. Dispositionsprophylaxe

    Wie generell bei medizinischem Personal sollen für alle Mitarbeiter im Krankentransport und Rettungsdienst alle Möglichkeiten der aktiven Immunisierung ausgeschöpft werden, um prinzipiell vermeidbare Infektionsrisiken auszuschalten.

    4.2. Persönliche Hygiene

    4.3. Standard-Hygienemaßnahmen [3, 7, 8]

    Unter diesem Begriff werden alle Maßnahmen der Infektionskontrolle zusammengefasst, die im Umgang mit Patienten immer berücksichtigt werden müssen, unabhängig davon, ob eine Infektion bekannt ist oder nicht und die auch bei den meisten Infektionen ausreichenden Schutz bieten. Dies sind:

    4.4. Spezielle Hygienemaßnahmen [7, 8]

    4.5. Folgende Ausstattung ist ständig mitzuführen:

  9. Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen bezogen auf infektiöses Material - ausgewählte Beispiele:
  10. 5.1 Blut bzw. Körperflüssigkeiten

      Hepatitis B + C, HIV
        Übertragung:
    bei parenteralem Kontakt (Verletzung)
        Prävention:
    Schutz vor parenteralem Kontakt mit infektiösem Material (blutkontaminierte Gegenstände)
    Standardhygiene- und Vorsichtsmaßnahmen

    5.2.Respiratorisches Sekret

      Meningokokken-Meningitis, Diphtherie, Scharlach, Röteln, Influenza
        Übertragung
    Naher (<1m) Kontakt durch Tröpfchen oder Schleimhautkontakt notwendig
        Prävention
    Schutz vor direktem und indirektem Kontakt mit infektiösem Material wie Sekret der oberen Atemwege. Mund-Nasen-Schutz für den Patienten (ohne Ausatemventil) und das Personal
    Standardhygiene- und Vorsichtsmaßnahmen

    5.3.Aerogen

      Offene Lungen-Tuberkulose, Windpocken, Masern
        Übertragung:
    Abhängig vom Ausmaß des Aerosolkontaktes (produktiver Husten, Intubation). Kein Risiko bei geschlossener Beatmung
        Prävention:
    Schutz vor Inhalation infektiöser Aerosole. TB-Maske für den Patienten (ohne Ausatemventil) und das Personal,
    Standardhygiene- und Vorsichtsmaßnahmen

    5.4. Stuhl

      Gastro-/Enteritis durch Salmonellen, Shigellen, Hepatitis A und E, Norovirus
        Übertragung:
    orale Aufnahme des Erregers nach Kontakt mit Stuhl oder Erbrochenem
        Prävention:
    Schutz vor direktem und indirektem Kontakt mit infektiösem Material wie Stuhl, Erbrochenem
    Standard- Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen

    5.5. Infektion bzw. Kolonisation mit multiresistenten Keimen

      Methicilinresistente S.aureus (MRSA), Vancomycin resistente Enterokokken (VRE) , Multiresistente gramnegative Erreger inkl. ESBL (MRGN)
        Übertragung:
    Kein Risiko für gesundes Personal. Kein Risiko durch infizierte Wunden, soweit sie keimdicht verbunden sind
    Bei nasaler Besiedelung Gesichtsmaske für den Patienten
        Prävention:
    Standardhygiene- und Vorsichtsmaßnahmen

  11. Reinigung, Desinfektion und Entsorgung
  12. 6.1. Hygieneplan [1, 7, 8]

    Die regelmäßigen und anlassbezogenen Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen sowie Vorschriften zur Entsorgung gebrauchter oder kontaminierter Materialien sind im Hygieneplan festzuhalten und sollten zweckmäßigerweise Angaben zum Fahrzeug selbst, seiner fixen Einrichtung sowie zu mobilen Geräten, Apparaten, Instrumenten und zu Verbrauchsmaterialien enthalten.

    Auf die Einhaltung der Arbeitnehmerschutzbestimmungen wird hingewiesen.

    In einem Desinfektionsplan sind die zu verwendenden Desinfektionsmittel für die Flächen- und Händedesinfektion unter Angabe der Konzentration und Einwirkzeit zu benennen. Es dürfen ausschließlich Desinfektionsmittel mit nachgewiesener Wirksamkeit zum Einsatz kommen. Die Wirksamkeit muss in einer vom Hersteller unabhängigen Liste (z.B. RKI-, VAH-, ÖHGMP-Liste) bestätigt worden sein. Dabei ist zu fordern, dass die Wirksamkeit auch in Gegenwart organischer Belastungen, insbesondere Blut, gegeben ist.

    Grundsätzlich müssen die eingesetzten Produkte gegen vegetative Bakterien, Hefen, Schimmelpilze und behüllte Viren wirksam sein. Darüber hinaus müssen Desinfektionsmittel mit nachgewiesener Wirksamkeit gegen unbehüllte Viren (insbesondere Noro- und Adenoviren) sowie bakterielle Sporen (insbesondere Sporen von C. difficile) und Mycobakterien zur Verfügung stehen.

    Nachfolgende Auszüge aus dem Hygieneplan des Roten Kreuzes Wien sind beispielhaft


Literatur

    Literaturzitate im Text

  1. Kober P. Hygiene im Rettungsdienst und Krankentransport. In: Kramer A, Heeg P, Botzenhart K (Hrsg.). Krankenhaus- und Praxishygiene, 2001 Urban Fischer Verlag: 650-659
  2. Erk G O, Brandt C, Heudorf U. Mikrobielle Belastung und multiresistente Erreger im qualifizierten und nichtqualifizierten Krankentransport. In: HygMed 2013;38:23-29.
  3. Siegel JD, Rhinehart E, Jackson M, Chiarello L, and the Healthcare Infection Control Practices Advisory Committee, 2007 Guideline for Isolation Precautions: Preventing Transmission of Infectious Agents in Healthcare Settings http://www.cdc.gov/hicpac/pdf/isolation/isolation2007.pdf - Letzter Abruf am 5. 2. 2014.
  4. Redelsteiner C, Kuderna H, Kühberger R, Baubin M, Feichtelbauer E, Prause G, Lütgendorf P, Schreiber W (Hg.). Das Handbuch für Notfall- und Rettungssanitäter. 2. Auflage, 2011 Braumüller Verlag
  5. Groß R, Hübner N, Assadian O, Jibson B, Kramer A. Working Section for Clinical Antiseptic of the German Society for Hospital Hygiene. Pilot study on the microbial contamination of conventional vs. silver-impregnated uniforms worn by ambulance personnel during one week of emergency medical service. GMS Krankenhaushyg Interdiszip 2010; 5(2):Doc09 (20100921)
  6. Groß R, Kramer A, Heudorf U, Cremer S. Rettungsdienst und Krankentransport sowie Sanitätsdienst. In: Krankenhaus- und Praxishygiene 2012; Urban Fischer Verlag: 507-512
  7. Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege BGR: 250/TRBA 250, Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege. Fassung Oktober 2003, inklusive Änderungen TRBA 250 vom 17. Mai 2006 http://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Biologische-Arbeitsstoffe/TRBA/TRBA-250.html - Letzter Abruf am 5. 2. 2014.
  8. Amtsblatt der Europäischen Union vom 1.6.2010 Richtlinie 2010/32/EU des Rates vom 10. Mai 2010. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?url=OJ:L:2010:134:0066:0072:DE:PDF - Letzter Abruf am 5. 2. 2014

    Weiterführende Literatur:

    Wolf A, Tanzer W. Hygieneleitfaden für den Rettungsdienst. 2012, 3. Auflage, Stumpf + Kossendey Verlag, Edewecht
    Spors J, Popp W, Werfel U, Hansen D, Lembeck T. Infektionsgefahren im Einsatzdienst. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, 2009, Lehmanns Verlag


Verfahren zur Konsensbildung:

Interdisziplinärer Experten-Konsens im
Arbeitskreis "Krankenhaus- & Praxishygiene" der AWMF
www.hygiene-klinik-praxis.de/mitglieder.htm

Sekretariat:
Bernd Gruber
Vereinig. d. Hygiene-Fachkräfte e.V.
Marienhospital, Osnabrück
e-mail: siehe Hompage des Arbeitskreises www.hygiene-klinik-praxis.de

Erstellungsdatum:

09/2013

Letzte Überprüfung:

01/2014

Nächste Überprüfung geplant:

01/2019 oder nach Bedarf früher



Textfassung von: 01/2014
© Arbeitskreis "Krankenhaus- & Praxishygiene" der AWMF
Autorisiert für elektronische Publikation: AWMF online
HTML-Code optimiert: 06.06.2014