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Arbeitskreis "Krankenhaus- & Praxishygiene" der AWMF
Working Group 'Hospital & Practice Hygiene' of AWMF

Leitlinien zur Hygiene in Klinik und Praxis


 AWMF-Leitlinien-Register  Nr. 029/017   Entwicklungsstufe:   1 + IDA 
Zitierbare Quelle:
Hyg Med 2013; 38 - 10, 436ff

Hygieneanforderungen bei invasiven Untersuchungen und Behandlungen im Herzkatheterlabor

Einleitung

  1. Vorbereitung des Patienten
  2. Die Punktionsstelle und ihre Umgebung sind zu desinfizieren, nötigenfalls vorher zu reinigen. Störende Behaarung im Desinfektionsbereich ist vor der Reinigung, spätestens jedoch vor der Desinfektion hautschonend durch Clipping zu entfernen. Eine satte Benetzung der Haut mit dem Antiseptikum ist unerlässlich. Die vom Hersteller deklarierte Einwirkzeit ist einzuhalten. Für die Desinfektion ist ein nach VAH (Verbund für Angewandte Hygiene e.V.) gelistetes Desinfektionsmittel zu verwenden (10). Bei Wischdesinfektion sind sterile Tupfer einzusetzen.

  3. Personal
  4. Bei diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen mit Punktionszugang durch die Haut sind eine hygienische Händedesinfektion und der Gebrauch von sterilen Handschuhen, sterilem Mantel, Haarschutz und Mund-Nasenschutz notwendig. Die Verwendung von zwei Paar sterilen Handschuhen erhöht die Sicherheit vor Infektionen beim Untersucher. Bei chirurgischer Gefäßfreilegung und bei der Implantation von Fremdmaterialen ist eine chirurgische Händedesinfektion obligat.

    Die Schutzkleidung muss einen sicheren Schutz vor Durchfeuchtung gewährleisten (Unfallverhütungsvorschriften). Bei der Möglichkeit von Blutspritzern ist eine Schutzbrille oder ein Schutzschirm zu verwenden. Das Personal soll über einen Hepatitis B-Impfschutz verfügen. Während der invasiven oder interventionellen Maßnahme sollten sich nicht mehr Personen als notwendig im Eingriffsraum aufhalten.

    Bei Vorrichten der sterilen Materialen sind eine hygienische Händedesinfektion, sterile Handschuhe, steriler Mantel, Haarschutz und Gesichtsmaske notwendig.

  5. Vorbereitung der Punktion und Einführung von (Herz-)Kathetern
  6. Beim Einführen von Kathetern ist ausschließlich steriles Material zu verwenden. Der Patient ist großflächig mit sterilem Material abzudecken, welches nur das desinfizierte Hautareal frei lässt und gegen Verrutschen gesichert ist. Alle notwendigen Materialien sind erst unmittelbar vor Beginn des jeweiligen Eingriffs griffbereit vorzubereiten, einschließlich des Desinfektionsmittels, der sterilen Abdeckmaterialien, sterilen Tupfer und anderer Medizinprodukte. Das Vorrichten der sterilen Materialien für mehrere Untersuchungen ist nicht zulässig. Eine Abwurf- bzw. Ablagemöglichkeit für verwendete und nicht mehr benötigte Gegenstände ist vorher bereitzustellen.

    Die Hautantiseptik muss unter Beachtung der vom Hersteller angegebenen Mindesteinwirkzeit vorgenommen werden. Die Haut muss während der erforderlichen Einwirkzeit satt benetzt und feucht gehalten werden. Empfohlen werden für die Hautantiseptik bei intakter Dermis alkoholbasierte Kombinationspräparate (Alkohol + Octenidin, Alkohol + PVP-Iod, Alkohol + Chlorhexidin), damit die antiseptische Wirkung verlängert wird. (11,12). In einer randomisierten kontrollierten Studie konnte gezeigt werden, dass eine Desinfektion mit Alkohol + Octenidin der alleinigen Alkohol Anwendung bei Applikation zentral-venöser Katheter überlegen ist. (13).

    Sterilverpackungen werden erst unmittelbar vor Beginn des jeweiligen Eingriffs geöffnet. Die Arbeitsabläufe müssen so gestaltet werden, das eine Kontamination der sterilen Utensilien während des Eingriffs ausgeschlossen ist. Die Gefäßzugänge dürfen nicht länger als unbedingt notwendig belassen werden.

  7. Einbringen von Implantaten im Herzkatheterlabor
  8. In den letzten Jahren hat sich das Maßnahmenspektrum im Herzkatheterlabor erweitert. Es ist heute nicht mehr unüblich, Herzschrittmacher und Defibrillatoren im Herzkatheterlabor zu implantieren. In kleineren prospektiven (200 bzw. 216 Patienten; 14,15) und größeren retrospektiven (677 Patienten; 16) Untersuchungen waren die Infektionsraten (Tascheninfektion, Endokarditis; 1,2 %) bei Implantationen im Operationssaal im Vergleich zum Herzkatheterlabor nicht unterschiedlich. Seit einigen Jahren werden auch Herzklappen, meist Aortenklappen, perkutan in Herzkatheterlaborräumen implantiert. Dabei wird primär eine stenosierte Aortenklappe durch einen perkutan eingeführten Ballon dilatiert. In diese erweiterte Klappe wird dann perkutan eine Herzklappenprothese eingebracht. Verlässliche Daten zur Infektionshäufigkeit nach perkutanem Aortenklappenersatz im Herzkatheterlabor liegen nicht vor. In einer prospektiven, kontrollierten Studie erhielten 244 Patienten einen transfemoralen Aortenklappenersatz (TAVI, 17). Innerhalb von 30 Tagen nach Aortenklappenimplantation kam es in keinem Fall zu einer Endokarditis. Über andere infektionsbedingte Komplikationen wurde nicht berichtet. Die bisher vorgelegten Untersuchungen können auf Grund kleiner Fallzahlen nicht abschließend belegen, dass Implantationen im Herzkatheterlabor hygienisch nicht schlechter verlaufen als in einem Operationssaal. Prinzipiell ist bei allen Implantationen im Herzkatheterlabor sicher zu stellen, dass abgesehen vom Einschleusen des Patienten und dem Fehlen einer raumlufttechnischen Anlage identische hygienische Bedingungen wie in einem Operationssaal vorliegen. Da beim perkutanen Aortenklappenersatz eine notfallmäßige sofortige Herzoperation notwendig werden kann, bietet eine Behandlung im Hybrid-Operationssaal (Op. mit Herzkathetermessplatz) den Vorteil, dass ein Patient ohne Transport sofort operiert werden kann.


Literatur

  1. Munoz P, Blanco JR, Rodriguez-Creixems M, Garcia E, Delcan JL, Bouza E. Bloodstream infections after invasive nonsurgical cardiologic procedures. Arch Intern Med 2001;161:2110-2115
  2. Samore MH, Wessolossky MA, Lewis SM, Shubrooks SJ, Karchmer AW. Frequency, risk factors, and outcome for bacteremia after percutaneous transluminal coronary angioplasty. Am J Cardiol 1997;79:873-878
  3. Banai S, Selitser V, Keren A, Benhorin J, Shitrit OB, Yalon S, Halperin E. Prospective study of bacteremia after cardiac catheterization. Am J Cardiol 2003;92:1004-7
  4. Günther H-U, Strupp G, Volmar J, von Korn H, Bonzel T, Stegmann Th. Koronare Stentimplantation: Infektion und Abszedierung mit letalem Ausgang, Z Kardiol 1993;82:521-525
  5. Tolerico PH, McKendall GR. Femoral endarteritis as a complication of coronary intervention. J Invasiv Cardiol 2000;12:155-157
  6. Soheil MR, Khan AH, Holmes DR, Wilson WR, Steckelberg JM, Baddour LM. Infectious complications of percutaneous vascular closure devices. Mayo Clin Proc 2005;80:1011-1015
  7. Chambers CE, Eisenhauer MD, McNicol LB, Block PC, Phillips WJ, Dehmer GJ, Heupler FA, Blankenship JC. Infection control guidelines for the cardiac catheterization laboratory: Society guidelines revisited. Catherization and Cardiovascular Interventions 2006;67:78-86
  8. Robert-Koch-Institut. Prävention Gefäßkatheter-assozierter Infektionen. Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 2002;45:907-924
  9. Hamm CW, Bösenberg R, Brennecke R, Daschner F, Dziekan G, Erbel R, Ewen K, Geffers C, Hausdorf G, Kelm M, Rüden H, Sauer G, Strauer B. Leitlinien zur Einrichtung und zum Betreiben von Herzkatheterräumen(1. Neufassung) Z Kardiol 2001;90:367-376
  10. Desinfektionsmittelkommission im VAH (Hrsg.) Desinfektionsmittel-Liste des VAH 2006/2007; ISBN 3-88681-077-1, ISSN 1862-4367
  11. Koburger T, Hubner NO, Braun M, Siebert J, Kramer A. 2010. Standardized comparison of antiseptic efficacy of triclosan, PVP-iodine, octenidine dihydrochloride, polyhexanide and chlorhexidine digluconate. The Journal of antimicrobial chemotherapy 65:1712-9
  12. Swenson BR, Sawyer RG. 2010. Importance of alcohol in skin preparation protocols. Infect Control Hosp Epidemiol 31:977
  13. Dettenkofer M, Wilson C, Gratwohl A, Schmoor C, Bertz H, Frei R, Heim D, Luft D, Schulz S, Widmer AF. Skin disinfection with octenidine dihydrochloride for central venous catheter site care: a double-blind, randomized, controlled trial. Clin Microbiol Infect. 2010;16:600-6.
  14. Molin F, Page P, Daoust L. Implantation of permanent pacemakers in the electrophysiology laboratory: what it has changed in a general teaching hospital. Can J Cardiol 2000;16:871-875
  15. Asensio E, Mont L, Rubin JM, Herreros B, Ninot S, Brugada J, Mulet J. Prospective and comparative study of pacemaker implants carried out at the electrophysiology labaratory and the operating room. Rev Esp Cardiol 2000;53:805-809
  16. Remmelts HH, Meine M, Loh P, Hauer R, Doevendans PA, van Herwerden LA, Hopmans TE, Ellerbroek PM. Infection after ICD implantation: operating room versus catherisation laboratory. Neth Heart J 2009;17:95-100
  17. Smith CR für die PARTNER Trial Investigators. Transcatheter versus surgical aortic-valve replacement in high-risk patients. N Engl J med. 2011;364:2187-2198


Verfahren zur Konsensbildung:

Interdisziplinärer Experten-Konsens im
Arbeitskreis "Krankenhaus- & Praxishygiene" der AWMF
www.hygiene-klinik-praxis.de/mitglieder.htm

Sekretariat:
Bernd Gruber
Vereinig. d. Hygiene-Fachkräfte e.V.
Marienhospital, Osnabrück
e-mail: Gruber

Ersterstellung:

02/1998

Letzte Überarbeitung:

08/2013

Nächste Überprüfung geplant:

08/2018 oder nach Bedarf früher



Textfassung vom: 08/2013
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